Machtfrage

Am letzten Donnerstag war „Himmelfahrt“. Das ist der christliche Feiertag, mit dem nicht nur alle „Vatertags“-Ausflügler nichts anfangen können. Sondern auch unter uns Christen ist er etwas unterbelichtet. Ich weiß nicht, ob und bis wann es in unserer Gemeinde einen Gottesdienst an diesem freien Tag gegeben hat? Vielleicht gab es irgendwann einmal einen Ausflug ins Grüne mit einem gottesdienstlichen Teil? Könnte sein. Aber es geht auch ganz gut ohne. Oder wie hast du letzte Woche den freien Tag verbracht?

Wenn du dich erst einmal sachkundig machen möchtest, was da eigentlich gefeiert wird, müsstest du die Bibel aufschlagen und Markus 16,19 / Lukas 24,50-53 / Apostelgeschichte 1,8-12 lesen. Nun könnten wir uns damit aufhalten zu überlegen, wie diese Schilderung in unser modernes wissenschaftliches Weltbild passt. Wir wissen mittlerweile, dass da oben über den Wolken nicht das Himmelreich schwebt, zu dem Jesus wie mit einem Aufzug hinaufgefahren ist. Aber darauf kam es den Autoren dieser Berichte auch gar nicht an. Der kurze Satz in Markus 16,19 fasst es gut zusammen: Jesus, der Herr, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. Es geht um die Herrschaft Gottes über alle Schöpfung, an der Jesus jetzt Anteil hat.

Es geht um die Frage, ob Jesus Christus, der wie ein gottverlassener Verbrecher auf übelste Weise ermordet wurde, tatsächlich „der Herr“ ist. Im Griechischen – also der Sprache, in der das Neue Testament ursprünglich aufgeschrieben wurde – heißt „Herr“ Kyrios (κύριος), und das hatte zwei Bedeutungen: Zum einen ist es das Wort, aus dem später unser Kaiser wurde. Es wurde also für den Cäsar von Rom gebraucht. Damit stellte die junge Christenheit den absoluten Machtanspruch des Kaisers von Rom in Frage. Jesus war für sie der eigentliche Herr. Und zum anderen war es das Wort, mit dem der Gottesname JHWH (Jahwe) in der hebräischen Bibel ins Griechische übersetzt wurde. Damit bekannte die junge Christenheit, dass Jesus eins mit Gott ist, dass er Gott selbst ist. („Sitzen zur Rechten Gottes“ ist ebenfalls eine Formulierung, die beides zum Ausdruck bringen soll.)

Mehr Macht geht nicht. Jesus ist zum Himmel aufgefahren, also in die Wirklichkeit Gottes verschwunden, um dort seine Herrschaft über alles anzutreten. In diesem Sinne ist Himmelfahrt ein ganz politischer Feiertag. Wenn wir heute Jesus Christus als den Herrn bekennen, dann machen wir nicht nur deutlich, dass er Gott gleich ist, was wir meistens mit der Formulierung „Gottes Sohn“ zum Ausdruck bringen. Sondern wir hinterfragen damit auch jeglichen absoluten Machtanspruch, den die Herren und Herrinnen dieser Welt über uns haben wollen. Es gab Zeiten, in denen sich die Baptisten aus aller Politik herausgehalten haben. Im Dritten Reich hatte man sich auf Römer 13,1-7 zurückgezogen: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.

Heute sind wir etwas kritischer und aufmerksamer geworden. Und wir sind gerufen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die sich in unserer Verfassung spiegelt, gegen die Feinde der Demokratie zu verteidigen. Deshalb freue ich mich sehr, dass auf der zurückliegenden Bundeskonferenz die Resolution „Demokratie und Menschenwürde“ verabschiedet werden konnte. Mit ihr positionieren wir uns als Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG) ganz eindeutig: „Rechtsextreme Parteien können für Christinnen und Christen kein Ort politischer Betätigung sein und sind nicht wählbar.“ Ich empfehle sehr, diese Resolution zu lesen und sich zu eigen zu machen.

Nun gibt es noch ein kleines Problem in Sachen Wochenvers: Aus dem unmittelbaren Zusammenhang von Johannes 12,32-33 wird deutlich, dass es hier nicht um die Himmelfahrt Jesu geht. „Erhöht werden“ meint im Johannesevangelium den Kreuzestod Jesu. (Ich hatte das in den „Inspirationen“ vom 24. März zu Johannes 3,14-15 schon ausführlich erläutert. Siehe dort.) Doch natürlich können wir trotzdem eine Verbindung zur Himmelfahrt Jesu herstellen. Jesus sagt hier, dass er durch seinen Tod alle zu sich ziehen wird. Das bedeutet, dass wir von ihm eingeladen werden zum Glauben in die Nachfolge. Und zur Nachfolge Jesu gehört eben auch, dass wir – gemäß Lukas 9,23 – unser Kreuz auf uns nehmen, also alle Nachteile in Kauf nehmen, die zum Leben mit Jesus dazugehören.

Und da stellt sich wieder ganz schnell die Machtfrage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ (Heidelberger Katechismus) Ich wünsche uns, dass wir unserem Herrn Jesus Christus von ganzem Herzen, von ganzer Seele und Verstand nachfolgen wollen. Auch wenn sich dadurch immer wieder die Machtfrage stellt: Wem vertraue ich mich an? Wem vertraue ich mehr – den Herren dieser Welt oder dem Herrn über alle Schöpfung?